da ich beruflich viel für die Firma unterwegs bin, bin ich häufig mit Leihfahrzeugen unterwegs. Zuletzt hatte ich einen Golf VI 2.0 TDI für eine Fahrt nach Gifhorn (bei Wolfsburg). Da der Golf von den Medien immer zum Klassenprimus erhoben wird und statt von der Kompaktklasse regelmäßig von der Golf-Klasse die Rede ist, war ich natürlich gespannt. Zumal mich natürlich auch der Vergleich zum Auris interessiert hat.
Was das Design angeht mache ich keinen Hehl daraus dass ich den Golf (wie die meisten Volkswagen-Modelle, Ausnahme Passat CC) äußerst langweilig, einfallslos, lieblos und genau genommen auch ziemlich hässlich finde. Ich möchte nicht abstreiten dass dies eine gewisse Voreingenommenheit auslöst.
Die Verarbeitung der Karosserie wirkt jedenfalls solide, die Spaltmaße sind genau. Beim Einsteigen fallen mir die bequemen Sitze und die geschäumten Materialien im Sichtbereich des Cockpits auf.
Insbesondere letzter Punkt hebt den Golf positiv vom Auris ab, bei dem ja nur noch Hartplastik zum Einsatz kommt, was insbesondere schade ist, weil der Vorgänger Corolla in Sachen Anmutung in meinen Augen Maßstäbe gesetzt hat. Nun ja, dafür finde ich dass der Auris vom Innendesign her eine Augenweide ist gegenüber dem Golf. Das macht vieles wieder wett.
Weiterhin fällt mir auf dass auch das Innendesign altmodisch, schlicht, einfallslos und in meinen Augen wiederum hässlich ist. Es ist natürlich eine Frage des persönlichen Geschmacks, aber ich schildere hier natürlich auch meine subjektiven Eindrücke. Weiterhin wird ab Cockpit-Mitte bereits billigstes und äußerst kratzempfindliches Hartplastik verwendet und die einstigen Metalltüröffner sind auch nur noch verchromtes Plastik. Hier hat Volkswagen also den Rotstift gehörig gespitzt. Deshalb lautet der Volkswagen-Werbespruch auch „Wertigkeit neu erleben“. Ob damit Hoch- oder Minderwertigkeit gemeint ist, bleibt dem jeweiligen Betrachter damit überlassen.
Positiv fallen mir die großen Einstellbereiche von Sitz, Kopfstütze und Lenkrad auf, hier hat Toyota (wie fast alle japanischen Hersteller) Nachholbedarf. Das Raumgefühl an sich empfinde ich aber im Vergleich zum Auris als beengt, der durch seine Bauweise, die der eines Vans gleicht, und durch seine damit weit nach vorn versetzte Windschutzscheibe, ein deutlich luftigeres Raumgefühl vermittelt.
Der Golf wird ja von den Medien auch immer als Lehrstück für perfekte Ergonomie bezeichnet. Gerade dieser Punkt erschließt sich mir überhaupt nicht. Die Klimabedienung liegt viel zu tief und um die Einstellregler herum befinden sich Temperaturzahlen in Schriftgröße 8, die so schlecht hinterleuchtet sind, dass man sie bei Sonneneinstrahlung gar nicht mehr ablesen kann. Außerdem lässt sich die Klimaautomatik nur in ganzen Gradschritten einstellen. All das kann der Auris besser. Die Klimaeinheit ist vom Design her weitaus schöner, es gibt Displays wo die Temperatur angezeigt wird und man kann auch halbe Gradschritte auswählen. Nachteil beim Auris sind natürlich die spiegelnden Displays.
Die Lenkstockhebel sind bei Volkswagen generell völlig überfrachtet und unergonomisch. An sich ist die eckige Form schon ungünstig (die Finger haben nur eine minimale Auflagefläche) und insbesondere der Blinkerhebel ist zu kurz, so dass man zum Blinken zu weit um das Lenkrad herumfassen muss. Die Zerstreuung der Lichtfunktionen auf den Blinkerhebel und einen Drehschalter im Cockpit, den ich nur durch Vorbeugen erreiche, erschließt sich mir ebenfalls nicht. Mein Golf hatte zum Glück keine Geschwindigkeitsregelanlage, weil diese auch noch im Blinkerhebel mittels winziger Drucktaster und Schieberegler (von etwa 5mm Größe) integriert ist. Bei Toyota gibt es einen separaten Hebel recht unterhalb des Scheibenwischerhebels. Die Intervalleinstellung des Scheibenwischers im Wischerhebel ist ebenso fummelig mittels eines 4mm großen Kipphebelchens gestaltet. Gleichzeitig bedient man über den Scheibenwischerhebel auch noch den Bordcomputer mittels Drucktaster. So eine sinnlose Funktionszerstreuung habe ich echt noch bei keinem anderen Auto erlebt. Auch die Tatsache dass man zum Einschalten des Wischers den Hebel nach oben drücken muss läuft meines Erachtens der menschlichen Anatomie zuwider.
Weiterhin sind die Fensterheber und die Spiegelverstellung fast auf Höhe der Außenspiegel angebracht, so dass man ohne Verrenkungen gar nicht heran kommt. Zum Ausgleich ist die Handbremse soweit hinten angebracht dass man nach hinten greifen muss um diese zu erreichen. Ich habe mehrfach intuitiv ins Leere gegriffen. Die Auto Bild kritisiert hingegen die optimale und griffnahe Position der Handbremse beim Auris.
Grundsätzlich muss ich sagen dass der Auris in meinen Augen was die Bedienung angeht weitaus durchdachter ist als der Golf, auch wenn es beim Auris ebenfalls Defizite gibt.
Weiterhin schafft es VW dass man auch ohne Optitron die Instrumente bei Sonneneinstrahlung kaum noch ablesen kann. Das Plexiglas vor den Instrumenten spiegelt nämlich extrem. Tank- und Temperaturanzeige sind zudem viel zu klein geraten.
Mein Leihwagen war mit dem großen Navigationssystem ausgerüstet, welches in Sachen Routenführung sehr überzeugen konnte. Leider erfolgt die Zielanwahl über ein Drehrad, was die Buchstabenauswahl kompliziert macht. Via Touchscreen würde das weitaus einfacher gehen. Dies ist beim Auris mit Navigation ebenso möglich wie der gleichzeitige Betrieb des Navigationssystems und das Hören einer CD. Da Volkswagen spart und es nur ein Laufwerk gibt, kann man im Golf keine CD hören während man sich navigieren lässt oder umgekehrt. Ein Armutszeugnis.
Positiv empfand ich allerdings die gute Musikanlage und den sehr guten Radioempfang. Hier kann sich Toyota gleich mehrere Scheiben abschneiden.
Unverständlich war mir warum es in Zusammenhang mit der Audio-/Navigationseinheit nicht auch eine Lenkradfernbedienung gibt. Ebenso habe ich brauchbare Dosenhalter vermisst. Diese schätze ich beim Auris sehr, zumal die Getränke im Sommer durch die Lüftungsdüsen direkt gekühlt werden.
Kommen wir nun zum Fahreindruck. Meine Erwartungen an die neue Common-Rail-Generation waren natürlich hoch. Doch nach dem Starten musste ich erschreckt feststellen, dass auch bei der neusten VW-Diesel-Generation, die ja von den Zeitschriften so wegen ihrer Laufruhe gelobt wird, ein wahrhaftiges Traktor-Gefühl aufkommt. Insbesondere beim Anfahren macht der Motor gehörig Lärm und es übertragen sich Vibrationen in den Innenraum und die Pedale. Das können nahezu sämtliche Konkurrenten weitaus besser. Hinzu kommt noch dass VW ein antiquiertes Fünfgang-Getriebe benutzt, welches äußerst seltsam übersetzt ist. So ist man gezwungen bis fast 50 km/h im zweiten Gang zu fahren, weil er sonst zu niedrig dreht und zu stottern beginnt. Die Domäne dieses Antriebs ist eindeutig die Landstraße und die Autobahn. Hier war der Motor kaum noch zu hören und für seine 110 PS erstaunlich flott. Außerdem ist der Motor sehr sparsam. Trotz vieler Staus habe ich laut Bordcomputer nur 5 Liter verbraucht.
Laut Medienbeschreibung setzt der Golf ja auch beim Fahrwerk Maßstäbe. Ich kann das nicht feststellen. Die Federung ist passabel, aber die Spurtreue auf der Autobahn absolut mangelhaft. Der Wagen läuft ständig aus der Spur und erfordert ständige Lenkkorrekturen. Die Lenkung ist selbst bei hohen Geschwindigkeiten gefährlich leichtgängig und gefühllos. Der Auris hingegen läuft wie auf Schienen. Ich fühle mich in meinem Auto viel sicherer. Und der von mir gefahrene Golf war nicht in irgendeiner Form defekt. Der Wagen hatte gerade mal 300km gelaufen und war nagelneu und dieses Fahrverhalten habe ich auch schon bei anderen Golf-Leihwagen festgestellt. Genau genommen sind viele Konkurrenten dahingehend besser. Auch der alte Opel Astra (das Modell was jetzt abgelöst wird) hat ein weitaus besseres Fahrverhalten und der Ford Focus sowieso.
In Sachen Geräuschdämmung hat der Golf VI gegenüber dem V stark nachgelassen. Fahrwerksgeräusche sind deutlich lauter zu hören als zuvor. Vorbeifahrende Autos ebenfalls. Allerdings ist die Dämmung nach wie vor besser als beim Auris was diese Geräusche angeht.
Die Verarbeitung war ebenfalls nicht perfekt. Ich habe an einigen Verkleidungsteilen Vibrationsgeräusche vernommen.
Fazit:
Mir erschließt sich jetzt noch weniger der Erfolg der Golfs und die Tatsache dass dieses Fahrzeug in den Zeitschriften immer so hochgejubelt wird. Es handelt sich für mich um ein 08/15-Auto ohne besondere Stärken, aber mit einigen Schwächen. Wie so ein Auto Namensgeber einer Fahrzeugklasse sein kann, erschließt sich mir nicht. Ich glaube Volkswagen könnte den Golf auch mit drei Rädern verkaufen und hätte noch Erfolg dabei. Vorteile des Golfs gegenüber vielen Konkurrenten sind natürlich der hohe Ausstattungsindividualisierungsgrad und die Verfügbarkeit von Ausstattungsoptionen die es bspw. beim Auris gar nicht gibt (Kurvenlicht etc.) und die Verfügbarkeit aufgeladener Benzinmotoren und Direktschaltgetriebe. Ich persönlich würde dafür aber weder das öde Design, noch die sonstigen Schwächen des Fahrzeugs in Kauf nehmen. Ich war überglücklich als ich wieder in meinem Auris einsteigen konnte und habe erstmal die erhöhte Sitzposition und das schöne Design genossen. Als ich den neuen Ford Mondeo als Leihwagen hatte war das hingegen anders- das wollte ich gar nicht mehr aussteigen.
Viele Grüße
Christian
Mein Leihwagen: VW Golf 2.0 TDI
Das wohl häßlichste Lenkrad der Kompaktklasse
Langeweile im Doppelpack
Edit Videolinks:
http://www.youtube.com/watch?v=ZdEl19_UXyM (Beschreibung Innenraum)
http://www.youtube.com/watch?v=bBhYdqxmKkk (Klimabedienung)
http://www.youtube.com/watch?v=RiOdkLdLYUQ (Motorstart)
http://www.youtube.com/watch?v=E_4epasjBfU (Motoklang Teil 1)
http://www.youtube.com/watch?v=x3xq02rMymk (Motorklang Teil 2)
Und soviel dazu der Golf-Innenraum sei hochwertig und kratzunempfindlich:








